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28.01.2011

Osnabrück. Das Bild hängt schief! Und wie. Dafür ist wieder gerade, was es zeigt - ein schwarzes Quadrat. Ein Rätsel? In der Ausstellung, die ab heute in der Sparkasse zu sehen ist, wird es aufgelöst.

Von Stefan Lüddemann - Das Bild von Norbert Thomas hängt nicht einfach so schief. Man muss es sogar an zwei unterschiedlich lange Seilen hängen, damit das Motiv seine Balance findet. Das Bild zeigt auf weißem Grund den größeren Teil eines schwarzen Quadrats, das sich der Betrachter in seiner Vorstellung ergänzen muss. Das Bild aktiviert Wahrnehmung, indem es sie zunächst einmal gründlich irritiert. Was ist schief, was gerade? Absolute Antworten gibt es nicht.
Das Bild kann als Einführung in eine Ausstellung gesehen werden, die Ansprüche stellt und Schaulust bietet. „idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst": Hinter diesem sehr akademisch klingenden Titel verbirgt sich der Rückblick auf jene zehn Ausstellungen, die die „VG-Initiative" in den letzten fünf Jahren in der Galerie ander Großen Gildewart gezeigt hat. Die neue Präsentation versammelt nicht alle bislang präsentierten Werke, wohl aber die Künstlerinnen und Künstler zu einem beeindruckenden Panorama der Konkreten Kunst. Prof. Dr. Helen Koriath, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Osnabrück, und ihre Studierenden haben die Ausstellung organisiert - von der Leihanfrage bis zum Katalog.
„Wir wollen diese Kunst aus der Ecke des Langweiligen und Spröden herausholen", sagt Frau Koriath. Ohne Ansprüche an den Besucher geht es allerdings nicht. Denn die Ausstellungsplaner haben, von den Künstlernamen abgesehen, auf eine Beschilderung der rund 90 Arbeiten verzichtet. Der in Osnabrück geborene Konstruktivist Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962) hatte einst gefordert, dass das Sehen selbst aktiv werden müsse. Genau in diesem Geist ist die Schau gestaltet.
Dabei spielt „VG", wie Vordemberge-Gildewart in seiner Heimatstadt gern abgekürzt wird, auch mit seinen Bildern in dieser Präsentation eine wichtige Rolle. Mit der Komposition „K 208" von 1957 ist jenes Bild zu sehen, das in der Regie des Museums- und Kunstvereins in den Neunzigerjahren für Osnabrück erworben worden war. Zusätzlich gibt es einige der „Domberger-Serigrafien" zu sehen, Drucke, die nach Gemälden Vordemberges angefertigt worden waren. Eine Ausgabe der Serie hatte die „VG-Initiative" 2008 erworben.
Mit Werken aus der Zeit von 1948 bis 2008 belässt es diese Ausstellung hingegen nicht bei der bloßen Rückschau. Das früheste Werk, ein abstraktes Figurenbild von Gudrun Piper, führt vor, wie Prinzipien der Konkreten Kunst und gegenständ liche Darstellung miteinander kombiniert werden können. Der jüngste in der Ausstellung vertretene Künstler, Markus Kronberger, erkundet mit zarten Farbüber lappungen die Möglich keiten der Transparenz. Dazwischen spannt sich ein weiter Horizont der Möglichkeiten jener Kunst auf, die gern als spröde verkannt wird.
Dietrich Helms, Regine Bonke oder Jürgen Paas gehören zu den weiteren Künstlern, die im Spektrum der Bildsprachen jenseits gegenständlicher Darstellung für viel Abwechslung sorgen. Eines haben diese Arbeiten bei allen Differenzen gemeinsam: Der Betrachter muss der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Verstand vertrauen, um dem Geheimnis dieser Kunst auf die Spur zu kommen.

So blau blüht der Enzian - auf feuerrotem Bildkörper: Jan Giebel, Lena Guntenhöner und Prof. Dr. Helen Koriath (von links) arrangieren eine Arbeit von Jürgen Paas. Foto: Jörn Martens

Übrigens - keine Angst: In dieser Ausstellung hängt wirklich nur ein Bild schief. Und das muss so sein. Alle anderen hängen so gerade, wie es sich gehört.
Osnabrück, Sparkasse Neumarkt, Wittekindstr. 2-4: gestalten, forschen underfinden. idee und erbe der systematischen nichtfigura tiven kunst. Eröffnung:Heute, 17 Uhr. Bis 4. März. Mo-Mi, 9-16.30 Uhr, Do,9-17 Uhr, Fr, 9-16 Uhr. www.vg-initiative.de »






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