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Subheadline: DLRG beklagt einen Missstand: „Zahlen der Ertrunkenen in Deutschland sind nicht akzeptabel!“
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26.11.2017

(26.11.2017) Osnabrück (nak) – Die ON-Weihnachtsaktion 2017 unterstützt Kinder aus bedürftigen Familien aus Stadt und Landkreis Osnabrück mit Schwimmkursen und Bewegungsangeboten. Etwa 5000 Kinder alleine in der Stadt Osnabrück sind arm, auch im Landkreis sind zahlreiche Kinder betroffen. Essen, Kleidung und Schulmaterialien gehen vor – an Sport, an einen Schwimmkurs ist in vielen Haushalten nicht zu denken… Nicht alleine das Risiko zu ertrinken ist hoch, auch die gesundheitlichen Folgen können dramatisch sein.

Alle Jahre wieder, wenn die DLRG die Zahlen der Ertrunkenen veröffentlicht, gerät das Thema in die Schlagzeilen – und verschwindet dann ebenso schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein. 537 Menschen ertranken 2016 in Deutschland, das waren 96 mehr als im Vorjahr, in Niedersachsen waren es 58, sieben mehr als 2015. „Für eine moderne, hoch entwickelte Gesellschaft ist diese Bilanz nicht akzeptabel“, betonte der Präsident der DLRG, Achim Haag und forderte „eine verbesserte Schwimmfähigkeit speziell bei der nachwachsenden Generation“.

Uwe Schürk, Vorsitzender der DLRG Ortsgruppe Osnabrück, schließt sich dem an: „Auch wir stellen fest, dass immer weniger Kinder schwimmen können. Viele Eltern vertrauen darauf, dass sie es im Schwimmunterricht an den Grundschulen lernen. Aber das ist völlig unrealistisch. Die Klassen sind zu groß, die Lehrer oft nicht entsprechend ausgebildet. Meist ist die Hälfte der Kinder im 3. Schuljahr Nichtschwimmer, pro Klasse ist aber nur eine Fachkraft dabei, die sich um Schwimmer und Nichtschwimmer kümmern soll. In so einer Situation kann Schule  nicht gewährleisten, dass die Kinder schwimmen lernen. Und niemand kann ihr daraus einen Vorwurf machen.“ Doch wie kann man dem entgegen wirken? „Ab dem Alter von etwa fünf Jahren können Kinder in einem wöchentlichen Kurs schwimmen lernen.“

Etwa ein halbes Jahr bräuchten die meisten, um das „Seepferdchen-Schwimmabzeichen“ zu machen. Ein erster, wichtiger Schritt Richtung mehr Sicherheit, auch wenn die Kinder dann noch keine guten Schwimmer seien. Doch muss es unbedingt ein Kurs sein? „Ich rate Eltern immer davon ab, ihren Kindern das Schwimmen selbst beizubringen“, so Uwe  Schürk. „Zum einen schleichen sich so ‚Stilfehler‘ ein, zum anderen gelingt es meist nicht, in der Eltern-Kind-Situation die nötigen Kenntnisse zu vermitteln.“ Die Mühe des Kursbesuchs lohne sich für das ganze Leben: „Sind die Abläufe einmal automatisiert, verlernt man das Schwimmen nicht mehr. Auch wer nach Jahrzehnten erstmals wieder schwimmt, beherrscht die grundlegenden Bewegungsabläufe noch.“ Im Übrigen sei es auch im Jugend- oder Erwachsenenalter noch möglich, Schwimmen zu lernen. „Wir bieten auch Erwachsenenkurse an und führen zum Beispiel in Kooperation mit dem Stadtsportbund und mit Förderung durch den Landessportbund Schwimmkurse für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge durch“, erklärt Uwe Schürk. Bereits seit Jahren gebe es aber auch in den üblichen Anfänger-Kursen Teilnehmer, die geflohen seien: „Ich erinnere mich an ein Mädchen, das bei der Flucht übers Mittelmeer erlebt hatte, wie die Menschen um sie herum ertranken, als das Boot sank, in dem sie saß. Sie wollte deshalb unbedingt schwimmen lernen.“ Dies sei sicher ein besonders berührender und außergewöhnlicher Fall. Fakt sei jedoch, dass auch in Deutschland weniger Unfälle passieren würden, wenn mehr Kinder schwimmen könnten. Die DLRG leiste durch Gewässerüberwachung einen großen Beitrag zur Unfall-Prävention.

In Stadt- und Landkreis Osnabrück würden sich Unfälle vor allem dort ereignen, wo das Schwimmen nicht erlaubt sei und es keine Bewachung gebe – wie am Stichkanal oder Rubbenbruchsee. „Wenn wir dorthin gerufen werden, dann meist nur um zu bergen, nicht um zu retten“, so DLRG-Einsatzleiter Uwe Piel. Umso wichtiger ist es, dass Kinder unabhängig von der Schule oder der finanziellen Situation ihrer Familie schwimmen lernen. Mithilfe der Spenden aus der ON-Weihnachtsaktion wird dies für Kinder aus sozial benachteiligten Familien möglich. 

In Kursen der DLRG lernen auch minderjährige unbegleitete Flüchtlinge schwimmen.

Nachwuchs-Ausbildung der DLRG: Die „Junior-Retter“-Gruppe im Nettebad. DLRG/Doris-Niehoff-Fotos


Quelle: ON am Sonntag vom 26.11.2017