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Subheadline: Das große Ziel des Projekts Kinder-Bewegungsstadt: Kinder sollen nicht nur auf dem Sofa sitzen
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29.07.2017

(29.07.2017) Osnabrücks Kinder bewegen sich zu wenig, werden immer dicker und irgendwann krank: Diese Beobachtung war 2010 der Ausgangspunkt für das Projekt Kinder-Bewegungsstadt (KiBS), das etwas gegen den Trend tun will. Von Sandra Dorn

Osnabrück. „Viele Eltern würden ihre Kinder am liebsten mit dem Auto bis ins Klassenzimmer fahren, das können Sie mir glauben.“ Was KiBS-Projektleiterin Anja Wege über Kinder, Sport und Ernährung erzählt, klingt dramatisch, aber sie scheint nicht zu übertreiben. So berichten Osnabrücker Fußball-Jugendtrainer, dass viele Kinder nicht einmal mehr einen Purzelbaum machen können, Physiotherapeuten behandeln zunehmend Kinder, die schon früh an Rückenbeschwerden leiden. Auch Ärzte schlagen Alarm.

Kinder, die sich früher nicht langweilen wollten, gingen zum Spielen an die frische Luft. Heute setzen sie sich vor den Computer oder Fernseher oder beschäftigen sich mit dem Smartphone. Laut einer Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts sind 15,4 Prozent der Grundschulkinder übergewichtig – dreimal mehr als noch in den 1990er-Jahren. 70 Prozent von ihnen haben große Chancen, auch als Erwachsene dick zu bleiben, mit entsprechenden negativen Folgen für sie selbst und für das Gesundheitssystem.

Und hier kommt das KiBS-Projekt ins Spiel. Jedes Osnabrücker Kind soll sich täglich mindestens zwei Stunden intensiv bewegen: So lautet das Ziel der Initiative der Osnabrücker Bürgerstiftung. Seit seinem Start 2012 hat Anja Wege das Projekt federführend aufgebaut – und das mit einer Teilzeitstelle. Mehr war finanziell in den ersten Jahren nicht drin.

Entstanden ist mithilfe vieler Ehrenamtlicher ein Netzwerk aus Sportvereinen, Bildungseinrichtungen wie den Familienbildungsstätten und Schulen sowie Kindergärten. Klingt abstrakt, ist es für die Kinder aber nicht. Denn die werden mit diversen Angeboten motiviert, sich vom Sofa wegzubewegen. Alle Angebote sind kostenlos, damit auch die erreicht werden, die wenig Geld zur Verfügung haben. Waldentdeckerausflüge bietet die KiBS, Wassergewöhnung für Kindergartenkinder oder Anleitung beim Bolzen. Hinzu kommen Initiativen wie „Zu Fuß zur Schule“ und das jährliche Bewegungsfest „Spielzeit“. Mittlerweile erkundigen sich andere deutsche Städte nach dem KiBS-Konzept, Hamburg etwa hat bereits Interesse geäußert.

Anja Wege gerät ins Schwärmen, wenn sie von den Kindern berichtet, die an den kostenlosen KiBS-Angeboten teilnehmen und dadurch nicht nur fitter werden, sondern auch an Selbstbewusstsein gewinnen: Mädchen und Jungen aller sozialer Schichten, die stolz ihr Seepferdchen-Abzeichen präsentieren oder beim Bolzen neue Freundschaften schließen, Kinder, die plötzlich entdecken, wie viel Spaß Spaziergänge in der Natur machen können – und das von zu Hause überhaupt nicht kennen. (Weiterlesen: Wo Eltern lang aufs Seepferdchen warten müssen – und viel dafür zahlen)

Initiator der Kinder-Bewegungsstadt war Professor Martin Engelhardt, ärztlicher Direktor am Klinikum Osnabrück. Die Folgen von zu wenig Bewegung und zu viel Fast-Food landen regelmäßig auf dem OP-Tisch des Chefarztes für Orthopädie-, Hand- und Unfallchirurgie. Von 2012 bis 2016 war das Projekt wissenschaftlich bei Professorin Renate Zimmer an der sportmedizinischen Fakultät der Universität Osnabrück angedockt. Weiterer Kooperationspartner neben dem Klinikum ist von Anfang an außerdem die Bürgerstiftung Osnabrück, die die Kinder-Bewegungsstadt als eines ihrer zentralen Projekte bezeichnet.

Nach der ersten Projektperiode wird KiBS nun fortgesetzt. Geldgeber sind diverse Krankenkassen, aber auch weitere Stiftungen wie die Sparkassenstiftung und die Stiftung Gesundheitszentrum Bad Laer. Anja Wege findet: „Osnabrück ist nicht nur Friedensstadt. Osnabrück ist auch Kinderbewegungsstadt.“

Die Kinder-Bewegungsstadt macht viele Angebote – Klettern ist eines davon. Foto: Archiv/Michael Gründel


Geht mit gutem Beispiel voran: KiBS-Projektleiterin Anja Wege zeigt, wie einfach es ist, simple Bewegungsspiele zu spielen. Foto: Jörn Martens

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung vom 29.07.2017