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Subheadline: Hamburger schätzt alte Perser
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28.09.2013

Osnabrück/Wallenhorst. Für eine Spendenaktion des Teppichimporteurs Kochmann und der Bürgerstiftung Osnabrück schätzt der unabhängige Sachverständige Peter Eitzenberger alte Perser. Mit seinen geschulten Augen ordnet er die schweren Läufer ihren Regionen zu und ermittelt deren Wert – auch wenn dies manchmal Tage dauern kann.

Von Hunderten Teppichen umringt, kniet Peter Eitzenberger auf dem Fußboden. Mit der rechten Hand hebt er den orientalischen Läufer an, seine linke Hand fährt mit einem Fadenzähler über das Garn. Mit dieser klappbaren Detaillupe kann der Prüfer die Fäden bis um das Zwölffache vergrößert sehen. Auf der Stirn des 46-jährigen Hamburgers bilden sich Falten, konzentriert kneift er seine Augen zusammen. Für eine Aktion der Osnabrücker Bürgerstiftung und des Übersee-Teppich-Importzentrums Frank Kochmann in Wallenhorst prüft Eitzenberger gespendete Teppiche auf ihren Wert. Seit dem 12. August können Bürger aus Stadt und Land ihre „alten Perser" bei dem Wallenhorster Unternehmen abgeben. Dieses lässt die Stücke von dem renommierten IHK-Sachverständigen prüfen und schätzen. Das Unternehmen Kochmann verwandelt die textilen Spenden der Bürger dann in Bares. Den Wert der Teppiche zahlt der Teppichimporteur an die Bürgerstiftung. Danach verkauft er die Teppiche in seinem Haus zum Einkaufspreis weiter.

Doch wie schätzt man einen Teppich? Eitzenberger erklärt, dass er anhand von Farbe, Zeichnungen, Beschaffenheit und dem Qualitätszustand das Alter sowie das Herkunftsland der Läufer bestimmen kann. „Hier haben wir ein Stück aus dem Iran, dort einen Läufer aus Pakistan, und dieser dort hinten stammt aus Afghanistan", stellt er fest, während sein Finger durch die große Halle des Importzentrums weist. Unter seinen Füßen erstreckt sich ein großer roter Teppich mit blauen und hellen Ornamenten. „Am wichtigsten ist zunächst die Rückseite eines Teppichs", sagt er und hebt den Perser hoch. „Denn hier kann man die Farbe und Struktur am besten erkennen." So machen schon kleine Nuancen in den Grundtönen einen Unterschied aus. Ein bräunliches Rot weist auf Westpersien, während ein lilastichiges Blau-Rot in Ostpersien verwendet wird. Der Teppich vor ihm stammt aus Kurdistan, Westpersien, da ist sich Eitzenberger ziemlich sicher. Um nähere Auskünfte geben zu können, muss er jedoch wieder ganz nah ran. „Das Stück ist so sandig und dreckig, ich erkenne kaum den Knoten", sagt er und nimmt seinen Fadenzähler erneut zur Hand. Vor allem die Knotenanzahl sage viel über den Wert eines Teppichs aus. Je mehr Knoten ein Läufer hat, desto weicher falle er, sagt Eitzenberger.

Wenige Minuten später gibt er eine erste Prognose zu dem roten Teppich ab: Zwischen 40 und 50 Jahren hat der Perser auf dem Buckel, zudem ist sein Flor, die aufrecht stehenden Stofffasern des Teppichs, sehr kurz. Das Urteil des Sachverständigen fällt bescheiden aus. Viel Geld könne für diesen Teppich nicht verlangt werden, vor allem das rote Muster verkaufe sich nur sehr schlecht. „Dabei ist dieser Läufer sehr robust", weiß er. „Selbst wenn so ein Stück auf der Autobahn liegt, würde ihm 300 Jahre nichts passieren."

Rund 30 Teppiche haben sich in den letzten drei Wochen bei dem Wallenhorster Teppichimporteur angesammelt. „Am Anfang verlief es sehr schleppend", berichtet Marianne Kochmann. Doch in den vergangenen Tagen seien sehr viele Stücke abgeben worden. Auch wenn die Aktion am 7. September offiziell auslaufen sollte, wollen die Initiatoren daran festhalten. „Das Projekt wird unbefristet und uneingeschränkt weiterlaufen", sagt Frank Kochmann. Wer seinen „alten Perser" spenden möchte, solle sich zunächst bei der Bürgerstiftung melden.

Ein wirkliches Goldstück ist bislang jedoch nicht aufgetaucht. „Die Preise für gebrauchte Teppiche sind aber auch sehr schlecht", weiß Eitzenberger und stupst einen kleinen Perser mit seinen Füßen an. „Für diese Brücke können maximal 30 Euro verlangt werden." Eine helle Senneh, ein Läufer, hergestellt in Kurdistan, hat es dem Prüfer trotzdem angetan. „Dieser Teppich ist Ende des 19. Jahrhunderts geknüpft worden", urteilt er. „An seinem Zustand erkenne ich sofort, dass die Vorbesitzer ihn gehegt und gepflegt haben." Hier könne mit Sicherheit mehr Geld verlangt werden. Auf den exakten Preis will sich der Sachverständige nicht festlegen. Dazu müsse er ihn erst umfassend untersuchen, und das kann bei schwierigen Stücken Stunden oder gar Tage dauern.

Der groß gewachsene Mann weiß, wovon er spricht. Seit rund 25 Jahren ist er in „der Teppichwelt", wie er sein Metier nennt, zu Hause. Angefangen habe alles im Familienbetrieb. Sein Vater Hans Eitzenberger ist weit über Hamburg hinaus als Teppichhändler bekannt. Eigentlich habe sich der 46-Jährige niemals vorstellen können in den Handel einzusteigen. Trotzdem absolvierte er seine kaufmännische Ausbildung im Geschäft seines Vaters und blieb bis ins Jahr 2001 im Betrieb. An manchen Tagen hätten bis zu 20 Kunden mit ihren Teppichen das Geschäft aufgesucht, blickt er zurück. Das schult nicht nur das Auge. „Zum Glück weiß ich so viel", sagt er.

Vor einigen Jahren wollte Eitzenberger trotzdem eine Veränderung: Er kehrte dem Handel den Rücken und arbeitet nun als Sachverständiger. Für Erbengemeinschaften oder in Betrugs- und Schadensfällen schätzt er Teppichwerte. Von Experten wie ihm gibt es in Deutschland nur eine Handvoll. Erst kürzlich konnte er einige Teppiche nur per Foto bewerten. Bei einem Diebstahl wurden mehrere Läufer gestohlen. Für die Versicherung musste Eitzenberger den Wert ermitteln. Aber am liebsten kommt er den Teppichen ganz nah. „Ich muss immer alles anfassen und umdrehen", sagt der Experte. Diese Leidenschaft für Läufer begleitet ihn bis nach Hause. In seinem Heim hängen unzählige Teppiche an den Wänden und bedecken die Böden. „Ich bin eben ein Teppichmensch", gesteht er.

Mit einer „Schönheit" verschwinde er auch gerne in seinem Büro. Dann untersuche er das Textilstück besonders genau, wälze Bücher zu dessen Herkunft und lasse sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Eitzenberger faszinieren vor allem authentische Teppiche. Letztendlich seien bei Teppichen jedoch die gleichen Attribute entscheidend wie bei anderen Kunstobjekten: Alter und Qualität. Je älter und gepflegter ein Läufer ist, desto eher erreicht man einen guten Preis. Einen Wert hätten dennoch alle Teppiche, die in den vergangenen Wochen beim Importeur Kochmann, gelandet sind. Aber ein Millionenfund wie kürzlich in New York wird wohl weniger dabei sein. Dort wurde ein Teppich aus dem 17. Jahrhundert bei Sotheby's für 25,7 Millionen Euro versteigert. „Aber das passiert nur alle hundert Jahre", winkt Eitzenberger ab.

Hoch konzentriert begutachtet Peter Eitzenberger die Knoten eines alten Teppichs. Foto: Thomas Osterfeld

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung vom 28.09.2013