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Subheadline:  Seniorenbeauftragter Wilfried Reckert zu Gast bei der Bürgerstiftung
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29.09.2012

Osnabrück. Wenn etwas gegen freiwilliges Engagement spreche, dann sei es „ein Gefühl der Ohnmacht – das Gefühl, dass es sowieso niemanden interessiert“, sagte Wilfried Reckert. Der Senioren- und Behindertenbeauftragte der Stadt Gelsenkirchen möchte, dass „diejenigen gehört werden, die sonst nicht gehört werden, die viel für andere tun, vielleicht über Jahre und dann doch kaum wahrgenommen werden“.

Solche Ideen interessieren die Bürgerstiftung Osnabrück. Sie lud Reckert jetzt ein, in ihrer Reihe „Die Chancen des Alterns" im eher spärlich besetzten Gemeindehaus St. Marien zu berichten, wie man in Gelsenkirchen mit dem Altern der Gesellschaft umgehe. Seit 2005 werde dort ein eigenes erfolgreiches Konzept umgesetzt. „Viel Geld" habe man nicht, so Reckert. Eigentlich sei Gelsenkirchen „eine arme, auch bildungsarme Stadt". Die meisten Leute gingen einfacher Arbeit nach. Zehn bis 15 Prozent der Leute hätten einen höheren Bildungsabschluss, zum Beispiel das Abitur. Auch deshalb werde die Senioren- und Stadtteilarbeit von Hauptamtlichen begleitet.

„Es geht darum, den Menschen, die sich freiwillig engagieren, eine gewisse Wirkungsmacht zu geben", so Reckert. Deshalb gebe es für die 40 Viertel der Ruhrgebiets-Metropole ehrenamtliche Ansprechpartner als Lotsen innerhalb des Hilfesystems der Stadt, zudem freiwillige Vermittler für nachbarschaftliche Hilfe und Leute, die sich für die Interessen der Viertelbewohner einsetzten. Darüber hinaus seien acht Ehrenamtliche für sechs Stellen als Nachbarschaftsstifter weitergebildet. Kosten für diese Stellen: 330 000 Euro pro Jahr. „Wenn der Oberbürgermeister bei uns 2000 ältere Menschen zu einem ersten Treffen für Seniorenarbeit einlädt, kommen gut zwei Prozent", erklärte Reckert. Also 100 bis 150 Personen. Man versuche deshalb, auch in kleinerem Rahmen Leute zu gewinnen. Etwa mit einem „mobilen Kaffeeklatsch", bei dem in Hinterhöfen Bänke aufgebaut würden, um die Bewohner entspannt für die Freiwilligenarbeit zu gewinnen. „Die Stadt will auf Augenhöhe agieren, nicht bevormunden", so Reckert weiter. Freie Träger wie Caritas und Arbeiterwohlfahrt hätten so für das Konzept gewonnen werden können. Politisch habe es zum Konzept im Stadtrat keinerlei Dissens gegeben. Dass soziale Strukturen in Nachbarschaften wegfielen, sei schlecht. „Aber wir müssen dem etwas entgegenhalten."

Haupt- und Ehrenamtliche der Seniorenarbeit aus Osnabrück beklagten indes, dass es in der Hasestadt zwar viele Angebote gebe, gleichzeitig aber eine immense Vereinzelung, kaum Vernetzung. Sabine Steinkamp vom Fachbereich Stadtentwicklung und Integration warb für ein freiwilliges Engagement im Agenda-Arbeitskreis „Wohnen und Leben im Alter". Dort finde auf jeden Fall schon Vernetzung statt.

Experten unter sich: Referent Wilfried Reckert (links) und Klaus Lang, Vorsitzender der Bürgerstiftung. Foto: Pentermann

Kommentar
Ungenutzte Chancen

Von Stefan Alberti

Der demografische Wandel geht uns alle an - und wird früher oder später jeden von uns beschäftigen. Dieser Satz wird seit langer Zeit rauf- und runtergepredigt. Und doch ist die bisherige Resonanz, die die Bürgerstiftung mit ihren Abenden rund um die Chancen des Alterns erfährt, enttäuschend. Die mit erstklassigen Experten besetzten Veranstaltungen zum Nulltarif haben mehr Zuhörer verdient. Gelegenheiten, die erwähnten Chancen doch noch zu nutzen, gibt es: Bis zum Jahresende lädt die Stiftung noch dreimal ein, sich zusammen mit anderen aktiv Gedanken über die Zukunft zu machen.

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung vom 29.09.2012