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Subheadline: Renate Zimmer - Neues Projekt für OS
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10.07.2011

Osnabrück (ache) – Die Stadt OS soll sich bald ein neues Profil geben können: Den Wandel zur kinder- und bewegungsfreundlichen Stadt anzustoßen, lautet das Ziel des neuen Projekts „Kinderbewegungsstadt“. Als maßgebliche Kraft ist OS-Uni-Professorin Dr. Renate Zimmer dabei.

Hinter dem Projekt steckt die Bürgerstiftung Osnabrück, die sich mit der 53-Jährigen Zimmer als Leiterin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Nifbe) an der Uni Osnabrück eine Expertin ins Boot geholt hat, die schon lange mehr Bewegungsmöglichkeiten für ganz junge Kinder fordert.

Bewegung von Geburt an: Hier setzt das neue Projekt an, das auf dem Kinderfestival „Play It" auf dem Gelände der ehemaligen Caprivikaserne am kommenden Wochenende (16./17. 7.) der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird. Ein Bus ohne Motor und Strategien gegen die Plage der Buggys - im ON-Interview erläutert die Professorin ihre ersten Pläne.  

Renate Zimmer, die Leiterin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung, stellt kommende Woche ein neues Projekt für die Stadt OS vor.

 

Flitzen statt sitzen - raus aus dem Buggy

ON-Interview mit Prof. Dr. Renate Zimmer: „Wollen Osnabrück mit einem Bewegungs-Virus infizieren"

von Thomas Achenbach

ON: Frau Prof. Dr. Zimmer, die „Kinderbewegungsstadt" ist ein neues Projekt. Bevor wir jetzt ins Detail gehen - können Sie vielleicht in 2 bis 3 Sätzen zusammenfassen, worum es geht?

Zimmer: Wir möchten, dass die Stadt Osnabrück kinderfreundlicher und damit auch bewegungsfreundlicher wird. Wir wollen, dass mehr für Kinder im Alter zwischen 0 und 10 Jahren getan wird, damit deren Bewegungsbedürfnisse und Spielbedürfnisse gestillt werden. Außerdem soll eine gesunde Lebensweise stärker implementiert werden - also vor allem eine gesunde Ernährung - in den Köpfen der Verantwortlichen, der Schulen, der Kindergärten und der Eltern. Osnabrück soll sich im Laufe der Zeit ein neues Profil geben: Als eine bewegungsfreundliche und kinderfreundliche Stadt.

Sie stellen das Projekt heute in einer Woche erstmals der Öffentlichkeit vor, und zwar auf dem großen Kinderfestival „Play it" (16./17. 7., ehemalige Caprivikaserne). Sie werden dann aber nicht die einzige auf dem Podium sein, oder?

Vorstellen werde ich das Projekt zusammen mit Dr. Klaus Lang von der Bürgerstiftung. Die hat das Ganze ins Leben gerufen, baut damit aber auf Ideen und Forderungen auf, die ich schon seit knapp 30 Jahren verfolge. Wir sind die Motoren, die alles sammeln und initiieren. Aber: An dieser Initiative müssen sich natürlich ganz viele Leute beteiligen. Es geht ja darum, die ganze Stadt Osnabrück mit diesem Virus zu infizieren: Kinder brauchen Möglichkeiten, gesund aufzuwachsen. Wir sind nicht ein Südtiroler Dorf, wo alles in Ordnung ist, sondern eine pulsierende Stadt der Moderne.

Also konkret: Wer muss dabei sein?

Zum einen Vereine, also alle Vereine, die Bewegungsangebote haben. Wichtig ist dabei: Es müssen die Kinder angesprochen werden, die sonst immer auf der Ersatzbank sitzen. Es gibt viele Kinder, die sind in 5 Vereinen und machen jeden Tag Sport. Aber es gibt auch ganz viele Kinder, die das eben nicht können, weil sie von ihrer Konstitution her nicht die Voraussetzungen haben oder weil sie von ihrer sozialen Konstellation her nicht in der Lage sind, an Sportangeboten teilzunehmen, weil die Eltern die Gebühren nicht zahlen können. Das ist genau die Zielgruppe, um die man sich kümmern muss. Zum Beispiel durch Patenschaften.

Also Vereine, okay. Sie sprachen auch davon, dass Sie den öffentlichen Raum bewegungsfreundlich gestalten wollen. Wie soll das geschehen? 

Hier sind natürlich die städtischen Verantwortlichen gefragt, mit denen wir in Kontakt treten werden. Gibt es noch Brachflächen, wo Kinder spielen können? Wie sind die Spielplätze gestaltet? Können wir unterstützen, wenn neue Spielflächen angelegt werden oder wenn Schulhöfe umgestaltet werden? Können wir die Initiativen zusammenlegen, so dass wir neue Modelle finden?

Klingt abstrakt. Haben Sie ein ganz konkretes Beispiel?

Nehmen wir zum Beispiel die Schulwege. Die sind ja meistens vom Auto oder Bus geprägt. Fahrradfahren ist gefährlich und Eltern lassen ihre Kinder ungern alleine gehen. Verständlicherweise. Da gibt es aber bereits gute Initiativen in anderen Städten, die wir aufgreifen können. Wie der „Walking Bus" zum Beispiel. Die Idee stammt aus England, deswegen heißt es so. Es geht darum, dass die Kinder aus einem bestimmten Stadtteil gemeinsam und unter Begleitung eines Erwachsenen zu Fuß zur Schule gehen. Die Kinder treffen sich an Sammelpunkten und werden dort abgeholt - wie ein Bus. Wenn sie dann in der Schule ankommen, waren sie körperlich schon gefordert. Das braucht natürlich eine gewisse Organisation.

Ist die Kinderbewegungsstadt eine Osnabrücker Erfindung - oder wird da ein bestehendes Konzept auf unsere Region runtergebrochen?

Nein, das ist eine Eigenerfindung. Andere Städte haben teilweise einzelne Ideen umgesetzt, wie zum Beispiel Paderborn, wo das Projekt „Walking Bus" läuft. In Voxtrup gibt es auch so ein Projekt. Wir nehmen das, was an einzelnen Standorten erfolgreich entsteht, gerne mit auf. Aber der Begriff der Kinderbewegungsstadt ist neu.

Mit Verlaub, das sei gestattet: Wo ist das Besondere an Ihrem Konzept, wenn es sich aus vielen Mosaik-Inspirationen zusammensetzt?

Dass wir schon ganz ganz früh im Kindesalter damit beginnen, zeichnet uns aus. Nicht erst, wenn die Kinder schon in der Schule sind. Wir wenden uns schon an Schwangere, um sie zu ermutigen, sich mehr zu bewegen. Das tut der Mutter aber auch dem ungeborenen Kind gut. Und so soll es weitergehen: Von Anfang an, in den ersten Lebenswochen und Monaten, setzen wir auf Bewegung. Diese Plage der Buggys und Maxi-Cosis und anderer Transportmittel - deren Einsatz sollte auf ganz wenige Momente beschränkt werden! Hier wollen wir zur Abwägung beitragen, was tut dem Kind noch gut, was nicht mehr. Wie können Spielplätze und öffentliche Flächen so gestaltet werden, dass sie schon für die Kleinsten nutzbar sind?

Sie werden das Projekt jetzt erstmals in die Öffentlichkeit tragen. Was wollen Sie als Erstes umsetzen?

Das ist bereits geschehen. Wir haben am Mittwoch eine Veranstaltung auf dem Ledenhof in Osnabrück gehabt. „Mit Schwung ins Leben", die Zielgruppe waren werdende und ganz frische Eltern. Da ging es vor allem darum, Eltern Anregungen zu geben, was sie mit ihren Kindern an Bewegungs- und Spielideen umsetzen können. Dazu gehörte aber auc eine Aufklärungskampagne über Ernährung in der Schwangerschaft, und es ging darum, auch die Väter mehr zu involvieren für den Start in ein bewegtes Leben ihrer Kinder.

Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem Sie sagen können: So, ab jetzt ist dieses Projekt erfolgreich abgeschlossen?

Nein, das glaube ich nicht, dass das jemals erfolgreich abgeschlossen werden kann. Die Generation der Eltern, die jetzt heranwächst, sind ja wiederum Kinder ihrer Zeit. Und es wird nicht etwa alles besser, sondern ganz im Gegenteil. In meiner Generation war es selbstverständlich, dass man draußen sein konnte, um zu spielen, ohne jede Aufsicht und Kontrolle. Heute geht das überhaupt nicht mehr. Da ist jetzt eine Generation herangewachsen, die selbst ein eingeschränktes Bewegungsleben hatte - und die das nicht mehr als etwas Selbstverständliches weitergeben kann.

Quelle: ON am Sonntag vom 10.07.2011